Was Testosteron mit mir macht

Hormontherapie ist wie ein Adventskalender für Erwachsene: Jeden Tag ein Päckchen Veränderung, in Erwartung auf ein Wunder schon bald.
Die einzeln dunkler werdenden Haare auf dem Unterarm, dann auf den Oberschenkelinnenseiten. Flaum rechts und links oberhalb des Mundwinkels. Meine Stimme klingt jeden Tag anders für mich. Die Veränderungen sind präsent, aber langsam, so wie in Adventskalendern täglich nur ein Praliné ist und keine ganze Tafel Schokolade.

Testosteron macht gar nichts mit meiner Identität, ein bisschen mit meinem Körper und viel mit meiner Umwelt.
Einerseits nehmen Eltern, andere Verwandtschaft und lockere Bekannte meine Identität erst durch diesen Schritt als konsequent wahr. Dass es mir ernst ist, keine Phase, dass alles so schlimm ist, dass ich meinem Körper etwas Irreversibles antue.
Das bringt die obligatorischen Du-bist-ja-so-mutig-Bestärkungen mit sich, neuerdings versteht man auch, dass ich Respektlosigkeit gegenüber meinem Namen und meiner Pronomina nicht dulde und das wiederkehrend ausgedrückte Bedauern, dass mein Leben so schwer und belastend sein muss.
Dass nach all der Diskussion und Aufklärung trotz allem nicht mein Wort, sondern die Chemie überzeugendster Beweis meines Daseins ist, finde ich immer noch deprimierend.

Auch in der breiteren Öffentlichkeit verändern die Hormone meine Außenwirkung.
Je weniger ich feminisiert werde, umso häufiger werde ich infantilisiert. Man fragt mich nach dem Ausweis, wenn ich ein Bier kaufen will. Ich werde ungefragt geduzt. Mit Hemd und Krawatte hält man mich für einen Konfirmanden. Meine Ausdruckweise wird nicht als altersgemäß, sondern als altklug wahrgenommen.
Ich hatte überschätzt, wie viel dieses Effekts ich mit Experimentierlust und Habitus auffangen könnte. Ich hatte unterschätzt, wie massiv mich dieses Phänomen betreffen würde, und wie ohnmächtig ich mich zuweilen fühle, in der Öffentlichkeit systematisch nicht ernst genommen zu werden.

Die Auswirkungen auf meine eigene Gedanken- und Gefühlswelt hingegen sind minimal. Weder kann ich neuerdings besonders gut einparken, noch bin ich weniger sensibel.
Die Entscheidung für Testosteron bedeutet vor allem, dass ich mir fürs Erste keine Gedanken mehr mache, ob ich mich für oder gegen Testosteron entscheiden soll.

Hormone waren für mich von Anfang an keine Alles-oder-nichts-Entscheidung.
Ich habe mit Testosteron-Gel begonnen. Zunächst mit einem Viertel, dann der Hälfte der üblichen Dosis. Zwischendurch ausgesetzt, bin ich inzwischen bei einer durchschnittlichen Dosierung.
Das verändert auch mein Verhältnis zu anderen Transpersonen. Indem ich einen der klassischen Transitionsbestandteile durchführe, wird meine Transition auf einmal mit anderen vergleichbar. Damit gerate ich erstmals in die Lage, mich mit Erwartungshaltungen anderer auseinandersetzen zu müssen. Von mir werden weitere Schritte erwartet, oft ungefragt vorausgesetzt, meistens einer binären Vorstellung von Geschlecht zugeordnet.
Warum und wie ich nicht entlang der üblichen Leitplanken transitioniere, ist auf einmal viel weniger offensichtlich und damit erklärungsbedürftig.
Ich werde mehrfach unsichtbar. Was die übliche, rein physische Transformation anbelangt, bin ich ganz am Anfang. Im Nachdenken über transgressive Geschlechtlichkeit, Queerness und selbst meine Reflektion auf die üblichen Stationen entlang der Transitions-Autobahn bin ich fortgeschritten; auf dem selben Stand jener, die seit fünf Jahren durchtransitioniert sind, vielleicht darüber hinaus.
Während ich sozial durch eine lange nicht eindeutig gelesene Gender-Performanz in meiner männlichen Sozialisation vieles nachzuholen habe und tatsächlich ein Anfänger bin, entspricht emotional mein Empfinden von Müdigkeit, fehlender Neugierde, Abgeklärtheit, Damit-durch-sein nicht meinem offiziellen Transitions-Level.
Mein Gender-Gap verläuft nicht nur zwischen „männlich“ und „weiblich“. Das ist die vielleicht harmloseste Spannung, die ich derzeit aushalte.
Ich balanciere über die Lücke zwischen meinem eigentlichen und meinem zugeschriebenen Geschlecht, zwischen meinem wahren und meinem zugeschriebenen Alter, zwischen meinem wahren und dem wahrgenommenen Transitionsstand.
Testosteron verursacht diese Differenzen nicht, macht diese jedoch unübersehbar deutlich.

Diese Balance ist interessant, aber sie ist auch kräftezehrend. Zuweilen weiß ich nicht, ob ich auf die Dauer eine gute Lösung finden werde.
Letztens habe ich den Balkon aufgeräumt und darüber nachgedacht, was ist, wenn wirklich und wahrhaftig die Kosten einer Transition irgendwann schwerer wiegen als deren Nutzen.
Ich habe keine Antworten. Doch ich sehe es als gutes Zeichen, überhaupt ergebnisoffen über Testosteron und Transition und Körper nachzudenken.

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